Eine Auswahl der bekanntesten Kung-Fu-Stile

Die äußeren Schulen

Shaolin Pai (Siu-Lum)

Unter dem Namen Shaolin gruppieren sich zahlreiche Schulen, denn seit der Zerstörung des Klosters im Jahre 1723 behaupteten viele Meister, daß sie im Besitz der Geheimnisse der kämpfenden Mönche seien und sie allein die Tradition aufrechterhielten. All diese Schulen haben indessen einen kleinen gemeinsamen Nenner: man praktiziert das System, das auf den Bewegungen von Drache, Tiger, Leopard, Schlange und Reiher basiert, die wiederum in Tao (Kata) geformt sind.

Die Techniken des Shaolin sind denen des klassischen japanischen Karate (Faustangriffe, Blocktechniken, Grundstellungen, Betonung natürlicher Waffen, verschiedene Formen des Faustschlages) bisweilen sehr ähnlich. Es ist ein kraftvoller, wirksamer und demonstrativer Stil, was auch seine Popularität erklärt. Zusammen mit dem Tai Chi Chuan bleibt er der häufigste chinesische Kampfsport außerhalb der Landesgrenzen. Er wird durch eine enorme Variation der Fußtritte und Blockaden von bemerkenswerter Effizienz charakterisiert. Die derzeitigen Meister der Schule sind Kao Fan Hsien, Han Ching Tang (Formosa) Yuan Ch´u Tsai (Hong Kong) und Chin I Ming (Volksrepublik China).

Hung Chia Pai

Diese Grundschule Südchinas wird charakterisiert durch kräftige und tiefe Stellungen, Bewegungen geringen Wirkungskreises, jedoch zerstörerischer Kraft, Kopfstöße, Angriffe mit der Handfläche, kaum demonstrative aber dafür sehr wirksame Taos, wenige Faustangriffe und kurze Bewegungen. Es bestehen einige Parallelen zwischen diesem Stil und der Schule des japanischen Meisters Oyama (Kyokushinkai-Karate). Das Hung Chia Pai ist berühmt für seine Wirksamkeit im Nahkampf auf Grund der außergewöhnlichen Standfestigkeit und Schlagkraft. Der unbestrittene Meister dieser Kunst ist der in Hong Kong lebende Chan Hon Chung.

Chung Pai

Zu dieser Schule ist wenig hinzuzufügen, wenn man weiß, daß Chung „schwer“, „kräftig“, „vernichtend“ bedeutet. Die „Schule der eisernen Faust“ ist eine der statischen Stilarten, die auf dem Erwerb einer enormen Schlagkraft durch Erhärten der Hände basiert. Schlagsack, Bambusstöcke, Raffia-Matten und Schläge auf Sand und Kies bilden dabei nur einige der Trainingsmethoden. Schmerzhafte Übungen, intensive Muskelbildung und zahlreiche Bruchübungen sind die Basis der praktischen Ausübung, die nicht weniger als 20 Jahre harter und unerbitterlicher Arbeit erfordert. Deshalb ist diese Methode zur Zeit im Mißkredit und fast nicht außerhalb der Grenzen der Volksrepublik China (Süden) bekannt.

Tang Lang Pai (Chuk Kai Chuan)

Diese Schule aus dem Norden Chinas basiert auf der Beobachtung der Angriffs- und Verteidigungstechniken der Gottesanbeterin, woher auch ihr Name zu erklären ist („Boxen der Gottesanbeterin“). Begründet von Tahm Dot, einem Mönch des Klosters Took Lun in der Provinz Fong Sai um das Jahr 1800, wird diese sehr ästhetische Methode durch eine Stellung charakterisiert, die der Gottesanbeterin ähnelt, sowie durch schnelle, kräftige und genaue Techniken. Die Stellungen sind hoch, das Körpergewicht ruht in der meisten Zeit auf dem hinten stehenden Bein, die Fußschläge sind genauestens ausgearbeitet. Das Tang Lang ist eine eigenständige Methode, die vor allem in Hong Kong und in der Volksrepublik China (Norden) ausgeübt wird. Meister dieser Kunst sind Liu Chin Xhuan und Li Foon Hak.

Tien Hsueh Chuan Shu (Dim Huk)

Diese traditionelle Schule wurde im Jahre 803 von Tao Hen Jan gegründet, einem Fachgelehrten in Akupunktur und Anatomie, der seine Kenntnisse in den Dienst der Boxkunst stellte. Die Besonderheit dieser Schule liegt im Angriff auf die vitalen Punkte des menschlichen Körpers. Der erste Teil der Studien besteht darin, die Art des Angriffs zu studierten, der zweite in der Lokalisierung der Vitalpunkte. Die Stil, dessen Ausbildung 20 Jahr zu dauern pflegte, bevor sie zu einem ausreichenden Resultat führte, wird heute nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form gelehrt. Die wenigen Meister, die um ihre Lehren wissen, geben sie nicht jedem Interessenten preis.

Das Tien Hsueh Chuan Shu gehört zu den esoterischen Schulen, denn nach der Legende mußte man, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen, auf Grund der Meridiankreise der Akupunktur einen bestimmten Punkt des gegnerischen Körpers auf ebenso bestimmte Art zu einer bestimmten Stunde des Tages treffen. Meister dieser Kunst sind Wong Tai Min und Lin Kung.

Hao Pai

Das „Boxen des weißen Reihers“ ist ein populärer Stil in der Gegend von Fukien und in Taiwan. Basierend auf der Beobachtung des Reihers, ist das Hao Pai optisch eine wenig demonstrative Schule: hohe und stabile Stellungen, Kreisangriffe und sehr niedrige Fußattacken, die auf die Knie zielen, sind die Grundlage dieser Technik. Weitere Kennzeichen sind Stöße mit den geschlossenen Fingerenden, effektive Ausweichmanöver mit dem Kopf und Faustangriffe mit Vorbringen der Schulter.

Wing Chun Pai

Dieses „Boxen des strahlenden Frühlings“ wurde vor ungefähr 400 Jahren von einer Frau gegründet. Bei Betrachtung der traditionellen Formen hatte sie zusammen mit einer anderen Frau namens Nghe Mui die Idee, die Angriffe und Paraden zu vereinfachen und die Kraft des Gegners gegen ihn selbst zu nutzen. Diese Schule an der Grenze der „inneren Stilarten“ hatte in kurzer Zeit einen beachtenswerten Erfolg. Es ist eine Schule, in der die Stellungen hoch und entspannt sind und man auf der Sparsamkeit der Bewegungen besteht. Die Techniken werden gekennzeichnet durch eine fundamentale Abwehrstellung mit halbgestreckten Armen, offenen Händen zum Gegner, Schutz des Plexus und des Halses, eine große Zahl von Griffen (Chi Sao) und Taos von großer Einfachheit. Die Meister dieser Art sind Yip Man (vor kurzem verstorben; Lehrmeister von Bruce Lee), Leong Sheong, Wong Soon Suh und Tang Sang (Hong Kong).

Wak Kun Pai

Die Schule, die viele Gemeinsamkeiten mit dem Wing Chun Pai aufweist, ist eine hochwertige Verfeinerung dieses Stils. Der Ausübende muß auf der künstlerischen Höhe der besten Darsteller der Oper Peking stehen, um dieses vielleicht komplexeste System zu meistern, das sowohl eine große Zahl an Würfen als auch Hebeltechniken beinhaltet. Die führende Figur in dieser Stilart ist Choy Long Wun (Volksrepublik China).

Lau Hon Kun Pai

Der „Stil der verlorenen Spur“ ist ebenfalls von hoher Komplexität und erfordert viel hingebungsvolle Arbeit bei der Muskelbildung, Flexibilität und Ausdauer. Er verwendet Sprünge von seltener Vielfalt, ineinander übergehende Techniken und spektakuläre Fußschlagfolgen (6 oder 7 Tritte hintereinander mit demselben Bein). Auch die taos dieser Schule weisen ein ungewöhnlich hohes Niveau und einen kaum zu meisternden Schwierigkeitsgrad auf. Diese Stilart wird in der Volksrepublik China und in kleinem Ausmaße auch in Hong Kong gepflegt.

Mi Tsung Hi Pai (Yen Ching Chuan)

Die „Kunst des Labyrinths“ ist eine Schule Nordchinas, die auf schnellen Drehbewegungen, ständigen Haltungsänderungen und verwirrenden Angriffen mit sehr harten oder sehr weichen Techniken. Diese Vielfalt und Flexibilität soll gewährleisten, daß der Gegner keine Verteidigung ausarbeiten oder einen Angriff im voraus erkennen kann.

Der große Meister dieser Kunst war ohne Zweifel Huo Yuan Chia (1862-1909), eine der Hauptfiguren des chinesischen Boxens. Er war für seine erschreckende Schlagkraft und seine perfekte Technik berühmt und starb, meuchlings ermordet durch Japaner, denen er eine echte Lehre erteilt hatte, und die ihn vergifteten.

Faan Tzi Pai

Das „Boxen mit den Adlerfängen“ wurde wahrscheinlich von Yuen Fei entwickelt (1103-1141), um dann von Li Chuan abgewandelt zu werden (1700-1750). Es ist eine der populärsten Schulen in der Volksrepublik China – ein sehr spektakulärer Stil mit zahlreichen hohen Sprüngen und Fußtritten. Seine Besonderheit liegt darin, eine Art verkrampfter Hand in Form von Raubvogelfängen zum Angriff auf die Augen, den Hals und den Unterleib zu verwenden. Der derzeitige Meister ist Wang Tse Ping (Volksrepublik China).

Tsui Pa Hsien (Chuan Shu)

Die Schule der „acht angetrunkenen Gottheiten“ oder des „trunkenen Mannes“ kommt tatsächlich aus diesem profanen Kreis. Basierend auf der Unbekümmertheit und den unvorhersehbaren Reaktionen eines Betrunkenen, sind die Bewegungen offenbar ohne Folge und Zusammenhang. Der Ausübende scheint zu schwanken, zu zögern, greift aber dann mit der Geschwindigkeit eines Blitzes an, praktiziert ein Abrollmanöver, verteilt heftige Stöße, Fußtritte beim Fallen oder in der Kehre und praktiziert Beinstellen und gefährliche Sprünge. Das ist eine der demonstrativsten Stilarten, aber auch eine der feinsten, die lange Zeit bis zur Meisterschaft fordert. Vermutlich ist dieser Stil von Li Po, einem eingefleischten Trunkenbold, entwickelt worden.

Die inneren Schulen

Tai Chi Chuan Shu

Diese wohl bekannteste Schule des inneren Stils wird seit Jahrhunderten von einer breiten Anhängerschaft betrieben und ist ohne Zweifel die am meisten verbreitete chinesische Stilart überhaupt. Ein taoistisches Sprichwort sagt: „Die Meditation in der Bewegung ist hundert Mal schwieriger als die Meditation in Ruhe, aber letzterer tausend Mal überlegen“. Das Tai Chi basiert auf diesem Grundsatz. Zur Zeit gibt es drei Grundschulen des Tai Chi: die traditionelle oder orthodoxe Schule, die „Schule der Erneuerung“ und die „Wu-Schule“. In den Augen eines Laien weisen diese 3 Schulen wenige Unterschiede auf. Sie suchen nach demselben Ziel: der Kontrolle der vitalen Energie (Chi) durch Kontrollierte Atmung und dem demonstrativem Aufsehen. Die Techniken werden ohne Spannung, langsam, aber ununterbrochen durchgeführt. Kampfeffizienz zählt in dieser Kunst wenig, aber ein Meister des Chi kann diese harmlos anmutenden Techniken effektiv zu Angriff und Abwehr einsetzen. Derzeitige Meister dieser Kunst sind Cheng Man Ching (Formosa), Yang Ming Shih (Budo-Lehrer in Tokio), Dun Chi Kong (Hong Kong), Chang Chang Yuan (Volksrepublik China), Chen Shan Hsing und Chien Chia Chuan.

Pa Kua Pai

Eine Boxform, deren Name „Boxen der acht Trigramme“ bedeutet, und die wahrscheinlich von Tung Hai Chuan in der Ching-Dynastie (1798-1879) gegründet wurde. Dieser in seiner klassischen Form praktizierte Stil ist für einen Nichteingeweihten vollkommen verschlossen. Und dennoch war gerade das Pa Kua die Schule der letzten großen Meister des chinesischen Boxens, darunter Yin Fu, Cheng Hua, Ma Wei Tchi, Liu Feng Tchun, Li Tsun Hi oder Sun Lu Tang.

Die kombinierten Techniken des Angriffs und der Rundverteidigung, Bewegungen im Kreis und in der Drehung sind in zwei grundlegenden Übungen zusammengefaßt: Tan Huan Chang und Shang Huan. Die 5 Box-Stellungen orientieren sich an Schlange, Löwe, Drache, Falke und Bär. Auch in diesem Stil ist die Suche nach Chi essentiell. Die augenblicklichen Anführer dieses Stils leben in der Mehrzahl in Formosa: Wang Shu Chin, Chang Chun Feng, Chen Pan Ling, Kuo Feng Chih und Hung I Hsiang.

Hsing Hi Pai

Der Dritte der großen „inneren Stile“, der von Chi Lung Feng zwischen 1637 und 1661 gegründet wurde, basiert auf sehr lockeren und hohen Stellungen, offenbar ununterbrochenen Bewegungen und komplizierten Stellungswechseln. Kuo Yun Shen, einer der großen Meister dieser Kunst, traf im Einzelkampf auf den berühmten Tung Hai Chuan, den Gründer des Pa Kua. Kuo hatte den Beinamen der „verwüstenden göttlichen Handflächen“ wegen der Macht seiner Angriffe. Da der Kampf kein Ende nehmen wollte, schlossen die beiden Meister schließlich ein Abkommen, das einen Austausch zwischen beiden Stilen erlaubte. Die beiden Meister besiegten in anderen Kämpfen zahlreiche Experten der „harten Stilarten“ und bewiesen damit die Effektivität ihres Systems.

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